
Liebe Schwestern und Brüder!
Wer schon einmal von außen die Glasfenster einer großen Kathedrale betrachtet hat, wird mit Enttäuschung festgestellt haben, dass sie dunkel und matt wirken. Die Farben und damit auch die Botschaft der Bilder bleiben verborgen. Erst wenn man die Kirche betritt und die Fenster von innen gegen das Licht betrachtet, beginnen sie, farbig und lebendig zu leuchten. Und wenn dann auch noch Sonnenstrahlen einfallen, entfaltet sich ihre ganze Schönheit.
Ich denke, dass es in unserem Leben ähnlich ist. Auch hier gibt es eine Innen- und Außensicht. Von außen betrachtet, kann unser Alltag manchmal blass und eintönig wirken wie z.B. durch Termine, Arbeit und Erledigungen. Doch wenn wir innehalten und genau hinschauen, entdecken wir eine tiefere Dimension: Begegnungen, die uns Freude machen; Momente des Dankes; das Erleben von Sinn oder Erfahrungen, die uns das Geheimnis Gottes erahnen lassen. Es macht einen großen Unterschied, ob wir von außen oder von innen auf unser Leben schauen.
Das gilt auch für die Adventzeit. Viele von uns haben in diesen Tag einiges zu tun und vorzubereiten. So kann es schnell geschehen, dass wir die Zeit vor dem Weihnachtsfest nur äußerlich miterleben. Doch etwas Anderes ist es, den Advent von innen wahrzunehmen, und das bedeutet: mit den Augen des Glaubens. Wir treten heute ein in diese Zeit, um uns mit Staunen und innerer Freude auf die Geburt des Erlösers vorzubereiten. Große biblische Texte und Lieder begleiten uns dabei. Sie erzählen von Dunkelheit, in die Licht einbricht; von einem Baumstumpf, aus dem ein neuer Zweig herauswächst; von Waffen, die zu Pflugscharen und Winzermessern umgeschmiedet werden; vom Heil Gottes, das wie Tau leise und unbemerkt vom Himmel herabkommt; oder von einer Jungfrau, die ein Kind empfängt. Diese Texte sind wie leuchtende Fenster, durch die das Licht der Hoffnung sanft hindurchschimmert, das im göttlichen Kind von Bethlehem zur Welt kommt.
Mich persönlich begleitet seit einiger Zeit ein Satz des Propheten Joël im Alten Testament. Er erzählt am Beginn seines Buches über Plagen, Verwüstung und Zerstörung, die über Israel hereinbrechen. Und dann, mitten in dieser unheilvollen Situation, heißt es plötzlich und unerwartet: „Da erwachte im Herrn die Leidenschaft für sein Land und er hatte Erbarmen mit seinem Volk.“ (2,18) Die Leidenschaft Gottes für sein Volk bringt die Wende. Trotz der äußeren Not wächst von innen her die Hoffnung auf das Heil, das Gott verheißt.
Ich halte dies für eine zutiefst adventliche Erfahrung. In den Bedrohungen und Gefahren, die heute nicht geringer sind als damals, halten auch wir sehnsuchtsvoll Ausschau nach der Ankunft Jesu, die Rettung bringt. In seiner Geburt zeigt Gott seine Leidenschaft für uns Menschen und für seine Schöpfung.
Diese Leidenschaft erweist Gott insbesondere dort, wo Menschen in Not sind. Im ersten großen Schreiben Dilexi te von Papst Leo XIV. findet sich ein bemerkenswerter Gedanke. Er sagt: Die Armen sind für uns Christinnen und Christen „keine soziologische Kategorie“, also nicht Gegenstand von Statistiken und Untersuchungen, „sondern das Fleisch Christi selbst“ (Nr. 110). In den Armen berührt uns der menschgewordene Gott, der selbst arm zur Welt kommt, damit wir im Licht seiner Nähe das Leben in neuer Tiefe sehen können. Der Advent führt uns hin zur Erfahrung, dass Gott nicht auf Abstand bleibt. Er sieht sich das Leben nicht von außen an, sondern teilt es von innen her: das Heranwachsen eines Kindes, die Freude junger Eltern, die Armut eines Flüchtlings, Glück und Leid und Tod. In Jesus Christus wird Gott Teil unserer Geschichte und meines Lebens. Weil wir ihm am Herzen liegen und er uns nicht verlieren will, tritt Gott selbst in unsere Welt. Er zeigt uns den Weg zu ihm und zu unseren Mitmenschen.
So erinnert uns der Advent an die Verantwortung, die wir füreinander tragen. Ich möchte auch in diesem Jahr auf die Adventsammlung „Bruder und Schwester in Not“ am 3. Adventsonntag hinweisen. Eure Spende unterstützt heuer besonders Kinder und Jugendliche in Ostafrika, deren Alltag von mangelnder Ernährungssicherheit, Gewalt und unzureichender medizinischer Versorgung geprägt ist. Gemeinsam tragen wir dazu bei, dass sie geschützte Räume finden, in denen Bildung und Vertrauen wachsen können. Für Eure Unterstützung sage ich ein herzliches Vergelt’s Gott.
Ich wünsche Euch allen eine gesegnete und von der Hoffnung auf das Kommen Christi erfüllte Adventzeit.
Feldkirch, am 21. November 2025,
dem Gedenktag Unserer Lieben Frau in Jerusalem
+Benno Elbs
Diözesanbischof