
Wenn ich in Rom bin, besuche ich gerne die Kirche „Santa Maria ad Martyres“, besser bekannt unter dem Namen Pantheon. Dieser ehemals heidnische Tempel, unweit der Piazza Navona gelegen, ist ein beeindruckendes Gebäude, vor allem dann, wenn man von innen den Blick nach oben richtet. Eine große Öffnung in der Kuppel gibt den Blick auf den Himmel frei. Man sieht also nicht nur die kunstvoll geformte Innenseite der Kirche, sondern blickt durch sie hindurch in die Weite des Himmels.
Dieses Bild passt für mich gut zum morgigen Fest Allerheiligen. An diesem Tag richten wir den Blick ebenfalls in den Himmel. Wir schauen auf die Heiligen – auf jene Frauen und Männer, die von der Botschaft Jesu bewegt waren und nach ihrem Lebens- und Glaubensweg an ihrem Ziel, nämlich bei Gott, angekommen sind.
Diesen Ausblick in die Weite des Himmels zu wagen, ist auch für uns wichtig. Als Kirche sollen und müssen wir den Blick in den Himmel offenhalten. In unserem Leben wird er allzu oft verstellt durch Streit, Kränkungen oder Nebensächlichkeiten, die sich in den Vordergrund drängen. Aber auch die großen Krisen unserer Zeit, der Klimawandel, Kriegsdrohungen und gesellschaftliche Unsicherheiten, können unseren Blick verengen und uns den Horizont rauben. Umso wichtiger ist es, den Himmel ins Leben hereinzuholen und sichtbar zu machen, wie ein hoffnungsvolles Leben aus dem Glauben schon hier und jetzt Wirklichkeit werden kann.
Eine Richtung dafür geben die Seligpreisungen Jesu (Matthäus 5,1-12), die wir zu Allerheiligen in den Gottesdiensten hören. Sie sind große Lebensweisungen und folgen einer anderen Logik als jener, die unseren Alltag vielfach bestimmt. Nicht Macht, Erfolg oder Besitz stehen im Mittelpunkt, sondern Barmherzigkeit, Sanftmut, Gerechtigkeit, Friede und ein reines Herz. Jesus selbst hat diese Haltungen vorgelebt. Und wo Menschen sie heute aufnehmen, geschieht eine Veränderung zum Guten. „Bei euch soll es nicht so sein“, sagt Jesus an anderer Stelle: nicht so gewinn- und profitorientiert, nicht so herrschsüchtig, nicht so kühl und abweisend, nicht so egoistisch oder leidvergessen.
Die Seligpreisungen sind ein Gegenprogramm dazu. Sie halten uns eine andere, bessere, gerechtere Welt vor Augen. Besonders die Heiligen zeigen uns, dass die Seligpreisungen kein unerreichbares Ideal sind. Martin von Tours, Franz von Assisi, Teresa von Ávila, Thérèse von Lisieux, die Märtyrerinnen und Märtyrer und die unzähligen unbekannten Heiligen – sie alle haben den Seligpreisungen in ihrer jeweiligen Zeit ein Gesicht, eine Hand und eine Stimme gegeben. An den Seligpreisungen sollten wir uns nicht stoßen und sie als unlebbare Schwärmerei abtun. Vielmehr sollten wir uns von ihnen anstoßen lassen zu einem Leben, das Liebe fördert, und zu einem Glauben, der Hoffnung weckt.
Allerheiligen öffnen den Blick über das unmittelbar Sichtbare hinaus. Die Heiligen erinnern uns daran, dass der Himmel auch für uns offen ist. Unser Leben erschöpft sich nicht in dem, was wir sehen, besitzen oder erreichen können. Es hat einen weiten Horizont. Wo Menschen barmherzig sind, Frieden stiften, einander beistehen und Hoffnung schenken, kann eine Ahnung dieses Himmels schon heute in unserem Leben erfahrbar werden.
Bischof Benno Elbs