
Schon ein flüchtiger Blick in unsere Gärten bietet in diesen Tagen ein trauriges Bild. Die anhaltende Hitze und Trockenheit haben sichtbare Spuren hinterlassen. Wiesen und Felder haben vielerorts ihr sommerliches Grün verloren. Die Pegelstände der Seen und Flüsse sind auf einem historischen Tiefstand. Viele Früchte, sonst voller Saft und Frische, sind verdorrt und nicht mehr zu verwerten. Auch viele Feldkulturen, etwa Mais, bringen in diesem Jahr kaum Ertrag, was nicht zuletzt für die betroffenen Landwirtinnen und Landwirte unabsehbare Folgen hat.
In diesen Tagen ist mir ein Satz aus dem alten Hymnus „Veni Sancte Spiritus“, der am Pfingstfest gesungen wird, oft in den Sinn gekommen: „Dürrem gieße Leben ein.“ Ursprünglich ist damit das menschliche Herz gemeint, das nach Gottes Geist dürstet. Doch angesichts eines Sommers, der vielerorts von Hitze, Trockenheit und zugleich von zerstörerischen Unwettern und Waldbränden geprägt ist, gewinnt diese Bitte einen neuen Akzent. Sie wird zu einem Gebet für die ganze Schöpfung, die nach Leben und Wasser verlangt. Dieser Sommer führt uns auf eindringliche Weise vor Augen, wie eng unser Leben mit der Schöpfung verbunden ist und wie sehr wir Menschen von ihr abhängig sind. Wir leben nicht neben ihr und schon gar nicht über ihr. Wir leben von ihr und mit ihr. Zwar können wir vieles planen, gestalten und bewirken. Doch wir können weder das Wachsen der Pflanzen und Früchte erzwingen noch Regen auf Knopfdruck herbeiführen. Der Mensch lebt nicht aus sich selbst, sondern von Voraussetzungen, die er nicht geschaffen hat, und von Gaben, die er sich nicht selbst geben kann.
Am morgigen 15. August feiern wir das Hochfest Mariä Himmelfahrt. Auf den ersten Blick scheint dieses Fest den Blick von der Erde weg in den Himmel zu richten. Tatsächlich erzählt es aber von der Bestimmung des Menschen und der Welt. Dass Maria mit Leib und Seele in die Herrlichkeit Gottes aufgenommen wurde, ist ein Zeichen der Hoffnung für den Menschen und die ganze Schöpfung. Denn was in Maria Wirklichkeit geworden ist, ist auch uns verheißen. Gott gibt seine Schöpfung nicht dem Vergehen preis. Er führt sie vielmehr zur Vollendung. In Maria wird sichtbar, welche Würde Gott dem Menschen verliehen hat und zu welchem Ziel er die Schöpfung führen möchte.
Das Fest Mariä Himmelfahrt lenkt unsere Aufmerksamkeit deshalb nicht weg von dieser Welt, sondern mitten in sie hinein. Wer an den Himmel glaubt, lernt die Erde mit anderen Augen zu sehen: als einen uns anvertrauten Lebensraum, an dem sich Gottes Güte widerspiegelt. Wer glaubt und darauf vertraut, dass Gott seine Schöpfung zur Vollendung führen will, wird ihr mit Ehrfurcht begegnen und sich auch nach Kräften für ihren Erhalt einsetzen.
Daraus erwächst für uns alle eine Verantwortung, die wir nicht delegieren können. Die Bitte des Pfingsthymnus „Dürrem gieße Leben ein“ wird zu einer Haltung unseres Lebens: dort Leben zu fördern, wo Dürre herrscht, Hoffnung zu säen, wo Resignation um sich greift, und die Schöpfung als das zu bewahren, was sie ist: Gottes gute Gabe, deren Schutz und Erhalt in unseren Händen liegt.
Bischof Benno Elbs