
Wer heute mit öffentlichen Verkehrsmitteln unterwegs ist, begegnet zu einem großen Teil Menschen, die in ihre eigene Welt vertieft sind. Viele blicken auf ihre Smartphones und merken kaum, wer neben ihnen ein- oder aussteigt. Andere tragen Kopfhörer und schirmen sich bewusst von ihrer Umgebung ab. Das ist ohne Frage nachvollziehbar. Wer täglich lange Strecken zur Arbeit zurücklegt, sucht unterwegs einen Moment der Ruhe oder möchte diese Zeit für sich oder die Arbeit nutzen. Zugleich zeigt sich darin auch eine gewisse Tendenz zur Taubheit. Was von außen auf uns eindringt, soll ausgeblendet werden. Kein Lärm, kein Laut, auch nicht die Stimme anderer darf stören. Wo aber nichts mehr an unser Ohr dringt, kann uns auch nichts mehr berühren und hellhörig machen.
Pfingsten erzählt eine andere Geschichte. Die Apostelgeschichte berichtet von einem Ereignis, das zunächst selbst wie eine Störung wirkt. Mitten im Alltag Jerusalems kommt der Heilige Geist auf die Jüngerinnen und Jünger Jesu. Plötzlich beginnen sie, in fremden Sprachen zu reden. Bei denen, die dabeistanden und es hörten, löste dieses Sprachendurcheinander Staunen und Verwunderung aus. Andere spotteten, ob die Apostel denn am helllichten Vormittag schon betrunken seien.
Störungen haben Vorrang, sagt man. Wirklich aufmerksam werden wir erst dort, wo etwas den gewohnten Ablauf durchkreuzt. Der Heilige Geist erscheint in der Bibel als eine solche heilsame Störung. Er unterbricht die Selbstbezogenheit, öffnet verschlossene Räume (die heute oft zitierten „Blasen“) und macht Begegnung möglich. Pfingsten ist ein Gegenbild zu einer akustisch abgeschotteten und in sich gekehrten Gesellschaft. Der heutige Feiertag kann darum auch eine Anregung sein, neu hinzuhören: auf Gott und den Menschen neben mir.
Bischof Benno Elbs