
Liebe Schwestern und Brüder!
Eine Grunderfahrung der biblischen Erzählungen lautet: Gott heilt. Er befreit aus Unterdrückung, Sklaverei und Schuld. Er heilt seelische und körperliche Leiden. Er geht dem Verlorenen nach und macht einen Neuanfang möglich. Diese heilende Dimension des Wirkens Jesu hat im Laufe der Jahrhunderte einen sehr schönen bildhaften Ausdruck gefunden, nämlich in der Darstellung Jesu als Arzt oder Apotheker. Auf diesen Bildern ist Jesus hinter einem Apothekertisch zu sehen. Darauf befinden sich eine Waage und verschiedene Arzneien, die Jesus verteilt, und die in manchen Darstellungen auch benannt werden: Friede, Gnade, Hoffnung. Vor allem aber stehen auf diesem Tisch auch Brot und Wein als Zeichen der Eucharistie.
Dieses Bild von Christus als Apotheker bzw. Arzt bringt zum Ausdruck, dass Jesus nicht nur damals in Galiläa, sondern auch durch die Zeit hindurch Krankheiten lindert und Menschen heilt, rettet und aufrichtet. Auch heute spricht er zu uns durch die Worte der Heiligen Schrift. In der Feier der Sakramente verbindet sich Gott mit uns und unserem verwundeten Leben. Im Gebet erfahren wir seine heilsame Nähe. Und im Dienst an den Nächsten wird durch uns etwas von dieser heilenden Gegenwart Gottes konkret und sichtbar.
Gerade dieses Bild von Christus, dem Arzt und Apotheker, führt in die Mitte dessen, was wir heute in der Chrisam-Messe feiern. Wir weihen in dieser Feier die heiligen Öle. Sie sind Ausdruck der heilenden Barmherzigkeit Gottes, die er uns in schönen und belastenden Momenten des Lebens schenkt. Die heiligen Öle sind gleichsam wie eine himmlische Apotheke und Heilmittel für die Seele.
Der Pastoraltheologe Hermann Stenger hat gesagt: Unser Handeln als Kirche muss redemptiv und biophil sein, das bedeutet: Es muss erlösend, befreiend und immer nah am Leben der Menschen sein. Als Priester haben wir Teil am heilenden und heiligenden Handeln Jesu, des Arztes. Zwei Punkte sind hier wichtig: Gottverbundenheit und Menschenfreundlichkeit. Das ist die Orientierung auch für unser Wirken als Priester.
Jesus lebte aus einer so innigen Verbundenheit mit Gott, dass Menschen dies für glaubwürdig hielten und er in ihnen Vertrauen und Glauben wecken konnte. Zugleich war Jesus Zeit seines Lebens so innig mit Gott verbunden, dass er ebenso innig mit den Menschen verbunden sein konnte. Er war ein Mensch für Gott und gleichzeitig ein Mensch für andere. In seinen Worten und seinem Handeln konnten Menschen spüren: Hier wird mein Leben ernst genommen. Von ihm fühlten sie sich verstanden und angenommen. Für mich ist das eine der wichtigsten Aufgaben unseres Dienstes in der Kirche heute – egal, ob als Priester, als Diakon, als Postoralassistentin oder Gemeindeleiter: dass durch uns und unser Wirken Menschen etwas von der heilenden Aufmerksamkeit Gottes erfahren können.
Ich habe zu Beginn erwähnt, dass auf den Darstellungen Jesu als Arzt oder Apotheker eines nie fehlt: Brot und Wein. Das hat einen guten Grund, denn schon in der frühen Kirche wurde die Eucharistie als "Arznei der Unsterblichkeit" bezeichnet. Es war und ist das Heilmittel schlechthin, das Christus durch den Dienst der Kirche reicht. Eindrücklich schildert dies Kardinal François Van Thuân, der 13 Jahre lang von der kommunistischen Regierung in Vietman gefangen gehalten wurde. In seinen Erinnerungen berichtet er, wie er allein Kraft seines Glaubens überlebte: „Mit drei Tropfen Wein und einem Tropfen Wasser in der hohlen Hand feierte ich Tag für Tag die Messe. Das war mein Altar, das war meine Kathedrale! Ich hatte die wahre Medizin für Seele und Leib…“
"Die wahre Medizin für Seele und Leib." In der hl. Eucharistie wird das erlösende Handeln Jesu gegenwärtig. Sie ist Danksagung für unser ganzes Leben und für das Handeln Gottes an uns. Vor allem aber nimmt sie uns hinein in den Durchgang vom Tod zur Auferstehung, den wir zu Ostern feiern.
Die Chrisam-Messe ist eine sehr dichte und gerade deshalb sehr schöne Feier. Sie lädt uns ein, mit und aus den Sakramenten zu leben. Und sie erinnert alle, die in der Kirche tätig sind, insbesondere die Priester, daran, vor allem in einem nicht müde zu werden: den Gläubigen die Heilmittel der Kirche zu reichen und ihnen in der Verkündigung des Wortes Gottes und in der Feier der Sakramente die barmherzige Nähe Gottes zu vermitteln.
Gleich im Anschluss an diese Predigt werden wir, die wir im pastoralen Dienst in unserer Diözese tätig sind, unser Bereitschaftsversprechen erneuern. Wir stellen uns neu in den Dienst Christi, des Arztes der Menschen. Und wir bitten ihn, dass er uns in diesem Dienst stärke, damit wir mithelfen können, dass seine heilende Gegenwart zu den Menschen kommt.